Cäcilienverein St. Lambertus Bad Schönborn


Klangkaskaden zum Lobpreis Gottes [BNN]

02.04.2014

Außerordentlich: Ein Kirchenkonzert auf der Empore, doppelt vernünftig jedoch für St. Lambertus zu Mingolsheim, weil dort für großbesetzte Ensembles deutlich mehr Platz ist als im engen gotischen Chorraum, und weil die große romantisch disponierte Schmid-Orgel in der finalen Choralkantate einen musikalisch-klanglichen Schlusspunkt zu setzen hatte, der jedes Orgelpositiv überfordert hätte.

Beim Studium der Konzertankündigung ist man geneigt, ein wenig Übermut zu mutmaßen, denn für Puccinis „Messa di Gloria“ brauchte es nicht nur ein sinfonische besetztes großes Orchester, sondern auch einen Solotenor, einen Solobariton und einen stimmstark-tragfähigen Chor, der im Fortissimo der Musiker weder an Präsenz verliert noch dynamisch forcieren müsste.

27 Sponsoren finanzierten die erforderlichen Qualitäten und der Dirigent Thomas Schmittenbecher aus dem hessischen Frankfurt, gelernter Kapellmeister, erfahrener Chorleiter und verantwortungsvoller Stimmbildungsexperte überforderte keine Sekunde: Kein Ritardando wackelt, die rhythmische Präzision überzeugt durchweg, und der Chor gestaltet anspruchsvoll, dem Text verpflichtet und immer auf Augenhöhe zum professionell besetzen Orchester. Die ideale Raumakustik in St. Lambertus unterstützt das imposante Klangerlebnis, die Präsenz und die dynamische Kontrastierung vom intim-filigranen Piano bis zum straffen, dennoch nicht aufdringlichen Donnerhall-Fortissimo lösen bei den Zuhörern konstante Gänsehautgefühle aus. Der philippinische Solotenor Lemuel Cuento mit seinem italienischen Timbre passt haargenau in das gewählte hochromantisch-emotionale Klangbild. Im Quoniam zeigt sich der imposante Chorklang quasi a cappella und in der rasanten Schlussfuge mit schwindelfreien Chorsopranen, intonationssicheren Mittelstimmen in Alt und Tenor und soliden tragfähige Bassfundamenten demonstriert der Lambertus-Chor seine grundsolide Vorbereitung.

Vergleichbar der Mozartischen Tradition, nämlich Epistelsonaten zwischen Gloria und Credo einzufügen, gönnte der Dirigent seinen geforderten Chorstimmen eine Ruhepause mit einem Satz aus Edward Elgars populären Enigma-Variationen.

Im Credo der Puccini-Messe halten die Chorbässe den Fortissimo-Hammerschlägen des Orchesters stand und der prominente Bariton Stefan Röttig gestaltet im Benedictus als solistische Idealbesetzung mit klangschönem Timbre sehr obertonreich und damit immer tragfähig.

Nach der chorischen Höchstleistung in der Messe folgt die G-Moll-Ouvertüre von Anton Bruckner, die den Dirigenten einmal mehr als Experten der Orchesterleitung erleben lässt. Perkussive Schläge wechseln mit luftigen Cello-Kantilenen, kraftvolle Achtel mit hymnischen Klangteppichen in der Vorahnung des großen „Te Deums“, ungestüm, aber niemals atemlos.

Zum Konzertausklang folgt die Choralkantate „Wie lieblich sind Deine Wohnungen“ aus dem 84. Psalm und mit dem finalen Kirchenlied „Ein Haus voll Glorie schauet“ von Arthur Schmittenbecher, dem Vater des Dirigenten, selbst Kirchenmusiker und Orchesterleiter in Frankfurt. Das Werk verlangt von den Solisten, jetzt dem kompletten Quartett mit Linda Kraft, der Sopranistin mit Heimvorteil, und mit der Altistin Izabela Metler große Töne. Der überwältigenden Begeisterung des Leiters für seinen hochmotivierten Chor und der bisher gelungenen Gestaltung war wohl geschuldet, dass er die dynamische Handbremse beim Solisteneinsatz nicht immer fand, ein wenig zu Lasten der Transparenz und Textverständlichkeit.

Zumindest assoziativ ließ sich das Anliegen von Pfarrer Wolfgang Kesenheimer erahnen, dass nämlich diese herrliche Musik als liturgisch eingebettetes Gesamtkunstwerk für Auge, Ohr und Herz mit wunderschöner Sakralarchitektur, Musik, Sprache und liturgischer Handlung am Altar, mit Weihrauch und Glockenklang noch mehr berührt und entrückt. Wie arm wären wir doch ohne diese kirchenmusikalischen Vermächtnisse. Johann Beichel

Kirchenkonzert 2014